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Montag, 19. November 2012, 23:45

Robert Whitaker, kritischer US-Medizinjournalist, zu Risiken u. fraglichem Nutzen von Psychopharmaka

Am 22.11.2012 spricht der kritische US-amerikanische Medizinjournalist Robert Whitaker auf Einladung der Berlinger Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (BGSP) in Berlin über die Risiken und den fraglichen Nutzen von Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika, in der psychiatrischen Behandlung. Laut Vorankündigung findet der Vortrag (in englischer Sprache mit Übersetzung) um 19:00 Uhr im Rathaus Schöneberg, BVV-Saal, John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin-Schöneberg statt:

In der Einladung heißt es:

Zitat


Robert Whitaker am 22. November 2012 abends in Berlin

Der berühmte US-amerikanische Journalist Robert Whitacker wird am 22. November in Berlin sein und einen Vortrag über seine Recherchen zum Thema Psychopharmaka halten. Vor allem in den USA ist Robert Whitaker durch seine Bücher „Mad in America“ und „Anatomy Of An Epidemic“ berühmt geworden, in denen er seine Thesen eines Zusammenhanges von der „Langzeitwirkung“ von Neuroleptika und der Zunahme psychischer Erkrankungen darlegt und begründet. Sie münden in der Fragstellung:

Nützen Neuroleptika oder verschlimmern sie die Krankheit auf lange Sicht?

Diesen Fragen möchte die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, die Berliner Gesellschaft für Soziale Psychiatrie in Kooperation mit der Charitè, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Campus Mitte auf der Veranstaltung nachgehen und zur Diskussion stellen.

Der Vortrag findet statt am Donnerstag, dem 22. November 2012, um 19:00 Uhr Rathaus Schöneberg BVV-Saal John-F.-Kennedy-Platz 10825 Berlin

Der Vortrag ist in englischer Sprache und wird übersetzt.

Der Eintritt ist frei.

Für den Vorstand
Holger Kühne


Zwei Tage später spricht Whitaker auf einer Fachveranstaltung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Reinhard-Nieter-Krankenhauses Wilhelmshaven über die Problematik der Psychopharmaka-Medikation im Kindesalter und bei Heranwachsenden. Die Veranstaltung ist ebenfalls kostenlos, allerdings ausgebucht. Natürlich findet sie ohne das sonst nicht seltene Sponsoring von Pharmaunternehmen statt.

Robert Whitaker hat sich als Journalist und Buchautor insbesondere in seinem Heimatland USA darum verdient gemacht, häufig noch verschwiegene wenn nicht gar unterdrückte Studienergebnisse zu den zum Teil katastrophalen Spätfolgen und hohen Risiken jahrelanger Psychopharmakabehandlungen auszugraben und öffentlich bekannt zu machen. Darüber spricht er auch auf Veranstaltungen und in Interviews. In leicht lesbarem Stil können auch Nichtfachleute, interessierte Laien und auch Betroffene von psychiatrischen Behandlungen die populärwissenschaftlichen Auswertungen vieler Studienergebnisse verstehen wissen nun, dass die Langzeitgefahren solcher Behandlungen nicht mehr zu unterschätzen sind.

Whitaker leiht den verständlicherweise bei der Pharmalobby und der universitären Schulmedizin (die oft nicht schlecht von Drittmitteln der Arzneimittelindustrie lebt) nicht beliebten kritischen Medizinern eine Stimme, die nicht nur durch ihre persönliche Erfahrung, sondern inzwischen auch gestützt auf wissenschaftliche Studien wissen, dass die therapeutische Langzeitwirkung von Antidepressiva, Neuroleptika und Stimulanzien nicht nur fragwürdig bis nicht nachweisbar ist, sodass sie tatsächlich nicht heilen können, sondern dass sie darüber hinaus große Risiken für die körperliche Gesundheit bis zum Tod bergen. Das psychische Leiden, das sie behandeln sollen, können sie sogar verschlimmern und in ein chronisches Stadium überführen.

Whitaker weist darauf hin, dass der in den USA immer weiter fortschreitende massenhafte Einsatz von Psychopharmaka im Kindesalter, insbesondere zur Behandlung von Verhaltensstörungen mit Hyperaktivität z.B. beim so genannten ADHS, besonders schwere Risiken für das Wachstum auch des Gehirns beinhaltet und zu weiteren psychiatrischen Erkrankungen führen könnte, z.B. zu dem neuerdings vermehrt in den USA registrierten Auftreten von so genannten bipolaren Störungen, einer juvenilen Form von "manisch-depressivem Irresein" oder "affektiven Psychosen", die man vor der "Ritalin-Ära" bei Kindern nicht zu beobachten und zu diagnostizieren pflegte. Auch ein Risiko zum Auftreten von frühen Parkinson-Erkrankungen wird befürchtet.

Kinder, die jahrelang mit Psychopharmaka behandelt werden, haben im Gegensatz zu Kindern mit ähnlichen Störungsbildern, die dagegen keine Medikamente bekommen, nach einigen Studienergebnissen ein höheres Risiko, in der Schule und im Beruf zu scheitern, eine kriminelle oder Drogenkarriere einzuschlagen und körperlich oder psychisch krank zu werden. Diese Risiken stehen in keinem Verhältnis zu einem möglichen kurzzeitigen, vorübergehenden Nutzen einer Symptomabmilderung, die dazu führt, dass die eigentliche Bedürftigkeit dieser Kinder nach Zuwendung und Anleitung maskiert und übersehen wird, nachdem die "Störenfriede" vorübergehend medikamentös ruhig gestellt wurden.

Die Geschichte der heutigen Psychopharmaka geht in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, als man hoffte, die damals aufgekommenen brutalen Behandlungsverfahren wie Elektroschocks für das Gehirn oder stereotaktische Neurochirurgie (das Durchtrennen von Nervenbahnen im Gehirn) durch "humane" Arzneimittel zu ersetzen. Aufgrund ihrer Wirkung auf das Denken bei so genannten Geisteskrankheiten nannten die Neuropsychiater die Substanzen Neuroleptika oder Antipsychotika oder Thymoleptika bzw. Antidepressiva. Ihnen gemeinsam ist, dass sie in die verschiedensten Neuro-Transmittersysteme des Gehirns eingreifen und die Übertragungsgeschwindigkeit der Nervenleitimpulse durch Beeinflussung der Transmitterkonzentration im intersynaptischen Spalt. Die Medikamente hemmen verschiedene enzymatische Vorgänge und blockieren Rezeptoren und verhindern z.B. die Wiederaufnahme der Transmitter im präsynaptischen Neuron.

Manche Medikamente behindern bestimmte Vorgänge sehr selektiv, manche beeinflussen verschiedene Transmitter. Leider sind die verschiedenen Transmitter in unterschiedlichen Nervenzellen aktiv, der in ganz verschiedenen Hirnregionen und Schaltzentren diverse Aufgaben haben. Entsprechend diffus kann die Wirkungsweise aber auch die Nebenwirkungsrate eines solchen Medikamentes sein, das oft auch noch mit anderen kombiniert wird. Die komplexen Regelkreise des Gehirns werden allenfalls zum Teil erfasst und verstanden. Die von Psychopharmaka heute direkt beeinflussten Transmitter sind zwar vermutlich bedeutsam, aber nur ein kleiner Teil aller aktiven Botenstoffe und doch beeinflusst jede "Drehung" an der biochemischen Stellschraube nachhaltig das gesamte cerebrale Informationssystem.

Nicht nur Arzt und Patient verlieren daher schnell den Überblick. Auch das Gehirn selbst mitsamt seinen hormonaktivierenden Zentren z.B. in der Hypophyse wird oft erst dadurch nachhaltig "verrückt" und versucht, über- oder unterstimuliert, mühsam durch Umbauvorgänge den alten Gleichgewichtszustand wieder herzustellen. Die Medikamente verlieren ihre Wirkung, weil das Gehirn gegen seine natürlichen Botenstoffe, die die Arzneimittel künstlich erhöht haben, immer weniger sensibel reagiert, die Nebenwirkungen aber bleiben hartnäckig und nach dem Absetzen der Medikamente droht das Verstärkte Auftreten all der Symptome, gegen die die Medikamente ursprünglich eingesetzt worden sind.

Die erwünschte Wirkung ist oft nur eine Beruhigung und Entängstigung für kurze Zeit. Auch traurige Empfindungen sollen zurückgedrängt werden oder krankhaft euphorische bis gereizte Zustände. Man möchte wahnhaftes Denken ersticken und das Gehirn für Angstbilder aus dem Inneren stumpf machen. Doch was für eine kurze Zeit noch mit erträglichen Nebenwirkungen in einer neurotischen oder sogar psychotischen Krise gelingt, lässt sich offenbar nicht auf Dauer erreichen, obwohl viele heutige Psychiater die jahrelange Medikamentengabe bei Psychosen insbesondere vom schizophrenen Formenkreis empfehlen.

Doch unter der Medikation kehren störende Symptome zurück oder eine so genannte Minussymptomatik macht sich breit. Die Patienten werden zunehmend antriebslos, depressiv, gleichzeitig motorisch unruhig und bleiben in ihrem Denken eingeschränkt, verlieren intellektuelle Fähigkeiten und fühlen sich leer und fremd gesteuert. Tatsächlich konnte man nicht nur im Tierversuch, sondern durch bildgebende Verfahren auch beim Menschen feststellen, dass jahrelange Neuroleptikagabe das Hirnvolumen insbesondere im Frontallappen vermindert. Der Frontallappen, der auch für unsere Persönlichkeitsentwicklung und unsere Charakterbildung eine wichtige Funktion hat, verkümmert regelrecht!

Als die ersten Antidepressiva und Neuroleptika ab Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts eingesetzt wurden, glaubte man, dass man mit ihnen Depressionen und Psychosen heilen könnte. Gefunden hatte man diese Medikamente, als man Mittel gegen Allergien oder gegen Schmerzen suchte. Man erkannte im Laufe der Forschung, dass sie die Transmitterkonzentrationen in den Synapsen cerebraler Neuronen veränderten. Als sich bei Versuchen am Menschen Auswirkungen auf psychische, vegetative und psychomotorische Symptome fanden, die man als relativ krankheitstypisch für neurotische und schizophrene Krankheitsbilder ansah, glaubte man nicht nur ein Medikament für diese Nerven- und Geisteskrankheiten gefunden zu haben, sondern auch die Ursachen dieser Erkrankungen neurobiologisch erklären zu können.

So entstand eine "biologische" Psychiatrierichtung, die psychopathologische Phänomene durch Störungen im System der Neurotransmitter erklärte und deren psychopharmakologische Korrektur als Heilung ansah, allerdings mit jahrelanger oder lebenslanger Medikamentengabe in dem Glauben, dass der psychisch Kranken dauerhaft an einem Transmittermangel litt, der lebenslang mit einem Medikament korrigiert werden muss, so wie es dem Diabetiker lebenslang am Insulin der Bauchspeicheldrüse fehlt, das folglich zugeführt werden muss. Doch so fein, wie ein moderner Diabetologe heute das Insulin nach Nahrungsaufnahme, Aktivitätslevel und Biorhythmus dosieren lässt und den Diabetiker zu einer gesamthaft gesunden und ausgewogenen Lebensweise auffordert, so fein werden Neuroleptika und Antidepressiva nicht dosiert. Die Ärzte gehen davon aus, dass ein gleichbleibender Spiegel wünschenswert wäre. Bis heute hat man aber bei nicht medikamentös behandelten Depressiven oder Psychotikern keinen Transmittermangel im Gehirn nachweisen können.

Die biologische Erkrankungs-Theorie der Geisteskrankheiten ist nach wie vor unbewiesen. Doch das ist nicht die einzige beunruhigende Erkenntnis über den Irrtum des massiven und jahrelangen Psychopharmakaeinsatzes. Denn wenn in den 50er Jahren tatsächlich ein Heilmittel für Depressionen und Psychosen sowie Schizophrenien in den verordneten Antidepressiva und Neuroleptika gefunden worden wäre, warum nehmen diese Erkrankungen dann trotzdem seit fast 65 Jahren an Häufigkeit und Schwere zu? Warum geht die Zahl der Rezidive nicht zurück und die schweren, chronischen Leidenszustände ebenfalls nicht?

Es drängt sich im Gegenteil sogar der Eindruck auf, dass gerade der massenhafte Gebrauch dieser Medikamente, die Patienten über Jahren verordnet werden, neben den oft fürchterlichen Nebenwirkungen und der ausbleibenden wirklichen Heilung viele Krankheitszustände über die Zeit sogar verschlimmern und verewigen. Genau in diese Richtung weisen neuere Studien. Gleichzeitig werden die psychotherapeutischen Bemühungen und die Einbettung in ein sinnvolles sozialpsychiatrisches Konzept, dass die Psychiatriebewegung aufgeklärter Ärzte und Betroffener in den siebziger und achtziger Jahren forderte, durch die biologisch orientierten Psychiater mit ihrer medikamentendominierten Behandlungsweise immer noch zu wenig beachtet und geschätzt.

Und weil die einmal verordneten Medikamente nicht mehr helfen, werden Psychopharmake in abenteuerlichen Kombinationen mehrerer Präparate insbesondere mit neueren so genannten "Atypika", die mehrere Transmitterregelkreise verändern, nach dem Motto, "viel hilft viel", immer weiter verordnet. Und wenn man merkt, dass auch das nichts bessert, sondern sogar verschlechtert, greift man heute wieder vermehrt zu den "guten, alten Elektroschocks". Die "Elektrokrampftherapie" ist übrigens wegen der vergleichsweise hohen Vergütung im Rahmen einer "Intensivbehandlung" mit Anästhesie bei "Schockserien" von bis zu 15 Anwendungen ein neuer einträglicher Markt für solche "Spezialisten" und ihre Kliniken. Dabei ist auch diese Methode ein wissenschaftliches Problem: Keiner weiß genau, was im Gehirn bei diesen massiven Elektrokrämpfen wirklich passiert. Allerdings weiß man, dass es später z.B. zu dementiellen Problemen kommen kann.

Und was weiß man inzwischen über die Nebenwirkungen der Medikamente auf den Körper, die psychische und emotionale Entwicklung und das Gehirn? Denn Studien bestätigen es inzwischen: die Nebenwirkungen, mit denen sich die Patienten herum schlagen müssen, sind beträchtlich und haben selbst psychiatrischen Krankheitswert. Patienten werden müde, kraftlos und schlapp. Sie haben viele vegetative Beschwerden. Manchmal sind sie auch reizbar und aggressiv, haben Selbstverletzungs- und Selbstmordgedanken. Sie benehmen sich merkwürdig und empfinden sich als fremdgesteuert oder innerlich ausgebremst und verhakt. Sie sehen und fühlen unklar und vermissen ihre frühere Orientierung. Das Denken verändert sich und neue Ängste können alte in den Hintergrund treten lassen. Die Ausscheidung, Nahrungsaufnahme und Sexualität verändern sich in ein Zuviel, Zuwenig und werden auf jeden Fall anders.

Doch auch vermeintlich rein körperliche Regelkreise, die mit der Psyche nur mittelbar in Verbindung stehen, sind von massiven Nebenwirkungen betroffen. Menschen verfetten, werden unbeweglicher, verlieren ihr Sättigungsgefühl. Sie entwickeln Bluthochdruck und Herzprobleme, verändern ihre Blutfette und Hormonspiegel, bekommen Diabetes. Männer verweiblichen und bekommen Brüste, werden unfruchtbar. Die feingesteuerte Muskulatur des Gesichtes und des Schlundes kann sich verkrampfen. Es gibt Seh- und Schluckprobleme. Die gesamte Motorik kann sich verändern, in einigen Fällen irreversibel durch Beschädigung von Ganglien im Stammhirnbereich. Aber auch die Schweissdrüsen arbeiten anders sowie die Speicheldrüsen. Die Leber kann ebenfalls beschädigt werden und die Bauchspeicheldrüse. Psychisch, vegetativ und körperlich gehen starke Veränderungen vor sich, die im Gehirn und in dessen medikamentös modifizierten Nervensteuerung ihren Ausgang nehmen. Der Körper - und das Gehirn ist in diesem Fall ein Teil des Körpers - versucht krampfhaft, das alte Gleichgewicht herzustellen. Dies gelingt oft nur unvollständig und manchmal selbst dann nach Jahren nicht, wenn die Medikamente schon lange wieder abgesetzt worden sind.

Eine kritische Bewertung der Forschungsergebnisse geht mittlerweile dahin, dass Psychopharmaka in Krisen einen kurzzeitigen Nutzen mit einigen Nebenwirkungen entfalten können, insbesondere wenn sie einschleichend und vorsichtig in der minimal wirksamen Konzentration verordnet werden. Werden sie lange gegeben, verliert sich der Nutzen, doch die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Nebenwirkungen und sogar langfristiger Schäden sowohl im zentralen Nervensystem wie im gesamten Körper nimmt immer stärker zu. Psychopharmaka heilen keine psychiatrischen Erkrankungen, sondern erlauben nur eine relativ kurzzeitige Symptomenkontrolle bei Einbüßung des Empfindungsvermögens. Auf die Dauer sind sie selbst ein Risiko, chronisch psychisch krank zu werden und zu bleiben und zusätzlich allerlei körperliche Schäden an seiner Gesundheit zu riskieren bis hin zum frühzeitigen Tod, nach einigen Studien mit einer um ca. 20 Jahren reduzierten Lebenserwartung.

Psychopharmaka dürfen daher nur zusammen mit einem sehr umfassenden und sorgfältig abgestimmten therapeutischen Gesamtkonzept nach genauer Aufklärung des Patienten für einen überschaubaren Zeitraum in moderater Dosierung gegeben werden, wenn möglich nicht über ein Jahr lang und nicht in fragwürdigen Kombinationen. Die neueren Atypika haben dabei trotz manchen kurzfristigen Vorteilen langfristig ein höheres Schädigungspotential. Kinder und Heranwachsende sollten möglichst gar nicht und schon gar nicht über längere Zeit mit solchen Medikamenten behandelt werden. Es ist ständig zu überprüfen, ob die Dosis vermindert oder das Medikament sogar abgesetzt werden kann. Sorgfältige begleitende Untersuchungen sollen Stoffwechselentgleisungen und Herz- Kreislauferkrankungen und Wachstumsstörungen schon im Ansatz verhindern helfen. Die vegetativen Nebenwirkungen auch auf Appetit, Sättigungsgefühl, Schlaf, Ausscheidung und Sexualität sind genau zu verfolgen und zu besprechen.

Parallel wird eine Anleitung zu gesunder Lebensführung und ein sozialpsychiatrisches Konzept für eine Reintegration in ein als positiv empfundenes soziales Umfeld notwendig, in dem der Patient soziale Wertschätzung, Selbstwirksamkeit und eigene Sinngebung erfährt und seine Kommunikationsbedürfnisse befriedigen kann. Teilhabe und die Möglichkeit zu sinnvoller Tätigkeit sind wichtigere Heilungsstimuli, als Zwang oder Verführung zur Ab- und Ausgrenzung in einen angeblichen "Schonraum". Schonung vor und Rückzug aus Überstimulation macht bei psychiatrischen Erkrankungen nur zeitweise während hochakuten Phasen Sinn und bedarf dennoch der warmherzigen menschlichen Begleitung.

Das Erlernen von vom Patienten selbst steuerbaren Bewältigungsstrategien für psychische Herausforderungen wie auch für Symptome aufgrund psychischer Belastungen muss Priorität haben vor einer fremdgesteuerten, iatrogenen und medikamentösen Anpassungsstrategie durch das Kurieren von Symptomen im wissenschaftlich noch weitgehend unverstandenen Chemismus des Gehirns. Diese Prinzipien müssen auch bei der Behandlung einer "Störsymptomatologie" beachtet werden, aus der geschickte "Diagnoseerfinder" die angeblich wissenschaftlich nachweisbare psychische Erkrankung der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS konstruiert haben. Nicht die medikamentöse Ruhigstellung der Zappler und Störenfriede ist das Mittel der Wahl, sondern eine geduldige systemisch orientierte interdisziplinäre Arbeit mit dem "Indexpatienten" und Symptomträger und mit seiner Familie und seiner sozialen Umgebung Kindergarten oder Schule.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Sonntag, 25. November 2012, 16:00

Kurze Vorstellung von Robert Whitaker

Robert Whitaker begann als Medizinjournalist in der Albany Times Union Zeitung in Albany (1989-1994). !992 absolvierte er eine Ausbildung zum Wissenschaftsjournalisten am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Anschließend wurde er der Leiter der Publikationsstelle der Harvard Medical School. 1994 wurde er Mitbegründer von CenterWatch, eines Publikationsunternehmens. Er entwickelte sich zu einem wichtigen investigativen Journalisten im Themenfeld der Psychiatrie und der Arzneimittelforschung, insbesondere auf dem Gebiet der Psychopharmaka.

Whitaker erhielt ab 1998 einige Auszeichnungen als Autor und Co-Autor für kritisch recherchierte Artikel über Psychiatrie- und Psychopharmakaforschung. Er schrieb u. a.: "Mind drugs may hinder recovery“ (USA Today 2002), "The case against antipsychotic drugs: a 50-year record od doing more harm than good." (Journal "Medical Hypothesis" 2004. "Anatomy of an Epidemic: Psychiatric Drugs and Astonishing Rise of Mental Illness in America" ("Ethical Human Psychology and Psychiatry" 2005).

Darüberhinaus veröffentlichte er wichtige Bücher zu dieser Thematik, die er auch für ein Laienpublikum verständlich darstellen kann: "Mad in America: Bad Science, Bad Medicine, and the Enduring Mistreatment of the Mentally Ill" (2002), "Anatomy of an Epidemic, Magic Bullets, Psychiatric Drugs, and the Astonishing Rise of Mental Illness in America" (2010). Mit diesen Veröffentlichungen machte er sich die Pharmaindustrie, von diesen abhängige Medizinkoryphäen und "Forscher" in deren Sold sowie das medizinische Establishment der Standesorganisationen und Berufsverbände zum Feind. Sie alle wollten keinerlei Irrtümer zugeben. Allerdings ändert sich die Einstellung unter der Beweislast der Kritiker und aufgrund der Folgekosten falscher Behandlungen allmählich.

Die Basisinformationen für seine kritische Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Psychiatrie und Psychopharmakotherapie entnimmt Whitaker eigenen Literarur-Recherchen in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Arzneimittelstudien, deren Aussagen und Güte er detailliert auswertete, wobei er feststellte, dass von Arzneifirmen abhängige Wissenschaftler und Pharmamitarbeiter selbst missliebige Ergebnisse über Nebenwirkungen und Unwirksamkeit unterdrückten, verschleierten bzw. umfälschten. Zum Teil sind diese Vergehen sogar gerichtlich festgestellt worden und dennoch findet man in einigen Medizinpublikationen über ein Jahrzehnt später noch die falschen Aussagen der als Fälschungen entlarvten Studien.

Michael
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